Landwirtschaftliche Themen treiben mich immer wieder um - ist ja auch immer noch mein Beruf. In den letzten Monaten gab es immer wieder lautstarke Proteste der Bäuerinnen und Bauern gegen die herrschende Agrarpolitik. Ich habe großen Respekt vor der Leistung des ganzen Berufsstandes, teile aber auch nicht alle vorgetragene Kritik. Grüne und andere Vertreter*innen einer alternativen Agrarpolitik werden in diesen Zusammenhängen immer wieder mit angegriffen, sind aber fast nie für die kritisierten Entscheidungen mit verantwortlich.

Hier meine aktuelle Einordnung der agrarpolitischen Diskussion:

  1. Radikalisierung und Diffamierung sind keine Lösung. Die Bauernproteste der letzten Monate sind emotional verständlich, in der Sprache aber oft entglitten und qualifizierte Kritik wurde gleich mit verdammt. Die Entfremdung zwischen Erzeugern und Verbrauchern darf so nicht weitergehen. In Umfragen liegen landwirtschaftliche Berufe immer noch weit vorn in den Sympathiewerten.
  2. Agrarpolitik ist Gesellschaftspolitik und muss sich nach allen Seiten öffnen und mehr bewegen. Es macht keinen Sinn, die Bevölkerungsgruppen, die sich mehr und mehr für Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt interessieren zu beschimpfen. Das sind die Kunden von morgen! Auch wenn sie den landwirtschaftlichen Profis heute noch naiv und besserwisserisch erscheinen, sie sind immer noch näher am Bauern als Billigkonsumenten.
  3. Hauptkritikpunkt der Proteste aus der Landwirtschaft war in den letzten Monaten die Düngeverordnung. Mehrere Bundesregierungen mit ihren CDU- oder CSU-geführten Landwirtschaftministerien haben mit Unterstützung der Bauernverbände die Umsetzung von EU-Recht über Jahre vermieden. Das Problem der Nitratbelastungen ist real, das sagen alle Wasserversorger. Jetzt droht die EU-Kommission mit drastischen Strafzahlungen. Eine stärkere Differenzierung der Messungen und Maßnahmen in den betroffenen Gebieten ist möglich, wenn es das EU-Recht zulässt, kann aber auch weitere Betriebe belasten. Wir können aber auch nicht so lange messen, bis uns die Ergebniswerte passen. Die angestrebten Binnendifferenzierungen ändern daran auch nichts.
  4. Um die Emissionen, auch die klimaschädlichen, aus der Landwirtschaft zu senken, müssen ambitionierte Maßnahmen ergriffen werden. Denn die Landwirtschaft hat viele Möglichkeiten positiv zu wirken: Dazu gehören ein guter Ackerbau, der Kohlendioxid aus der Luft speichert und wenig Nährstoffe in die Gewässer verliert. Ebenso eine Weidehaltung, die gleichzeitig sowohl zu Humusaufbau und Klimaschutz als auch zu Biodiversität und artgerechter Tierhaltung beiträgt. Eine CO2-Bepreisung ist auch für die Land- und Ernährungswirtschaft grundsätzlich möglich. Ansetzen kann man sowohl bei der Produktion - beispielsweise über eine Stickstoffsteuer – als auch beim Konsum durch eine Abgabe auf tierische Produkte.
  5. Die Landwirtschaft macht nicht alleine die immer wieder angesprochenen Umweltbelastungen aus und sie kann diese Probleme auch nicht alleine lösen. Wir müssen das Ernährungssystem als Ganzes denken: umweltfreundlich, tiergerecht, regionale Wirtschaftskreisläufe mit handwerklicher Verarbeitung, klimabewusster Konsum und ein faires Einkommen für alle Beteiligten.
  6. Die Gelder und Instrumente der gemeinsamen europäischen Agrarpolitik sollen endlich für konkrete Leistungen der Bäuerinnen und Bauern für Klima, Umwelt und regionale Entwicklung zur Verfügung stehen und nicht pauschal auf der Fläche verteilt werden. Mehr Geld für Ökolandbau und Agrarumweltmaßnahmen schadet den meisten landwirtschaftlichen Betrieben noch nicht mal. Und wir brauchen endlich eine ‚Gemeinschaftsaufgabe (Bund-Länder) ländlicher Raum‘, das macht aber eine Grundgesetzänderung erforderlich.

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